Der lange Weg zum Frieden in Israel und Palästina von Jürgen Menze

Der lange Weg zum Frieden in Israel und Palästina

von Jürgen Menzel

Der Sicherheitscheck am Flughafen von Tel Aviv geht in seine dritte Runde: "Wen wollen sie besuchen? Warum kommen sie ausgerechnet jetzt? Woher kennen sie die Personen, die sie besuchen? Was interessiert sie an Israel?" Das ganze Prozedere erinnert mich an schlechte DDR-Zeiten, nur dass ich damals an der Ostgrenze durchaus auf meine Rechte bestand, während ich hier versuche jede misszudeutende Aussage zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, dass meine Einreise verweigert wird. In den letzten Wochen und Monaten hat Israel mehrere Hundert Personen wieder zurückgeschickt, weil sie den Anschein erweckten Menschenrechts- oder Friedensaktivisten zu sein.

In Kooperation mit der Kurve Wustrow und auf Einladung von MEND (Middle East Nonviolence and Democracy) in Ost-Jerusalem bin ich Ende Mai zu einem Training für Gewaltfreie Aktion nach Israel geflogen. Wir waren eine kleine Gruppe von Palästinensern und zwei deutsche Trainer. Nicht alle Pälästinenser, die kommen wollten, konnten daran teilnehmen: die einen aus Bethlehem saßen wegen der Ausgangssperre fest, die aus Ramalah mussten den gefährlichen Weg um den Jeckpoint herum suchen. Dennoch war es für uns alle eine sehr intensive Zeit, in der das Pflänzchen der Gewaltfreiheit in der Region gegossen wurde und wachsen konnte.

Das Training begann mit dem Erfahrungsaustausch über Gewalt. Bedrückend die Darstellungen im Rollenspiel, die Demütigung und Ohnmacht, die Angst, mit einer einfachen zu schnellen Bewegung eine Fehlreaktion des Soldaten auszulösen und erschossen zu werden. Gewaltfreiheit ein Fremdwort? "Wir haben keine Erfahrungen in Gewaltfreiheit", waren die ersten Reaktionen und wir begannen die Suche nach den eigenen Wurzeln, nach dem eigenen Schatz an gewaltfreien Traditionen. "Salam" ist ein tagtäglicher arabischer Gruß, "Frieden" dem Freund, dem Nachbarn, dem Fremden. Salam auch dem Juden, der "Schalom" antwortet. Während unserem Seminar entdecken wir gemeinsam eine Fülle gewaltfreier Traditionen in der palästinensischen Gesellschaft, bis hin zur "Sulha", einer palästinensischen Tradition der zivilen, mediativen Streitschlichtung. Die TeilnehmerInnen des Seminars arbeiten alle bei MEND mit. Sie bieten in Schulen und Flüchtlingscamps work-shops für Kinder und Jugendliche zur zivilen Konfliktlösung an, in der Video-Gruppe filmen sie den palästinensischen Alltag und im Summer-Camp finden internationale Begegnungen statt, unter anderem auch mit Jugendlichen aus anderen Krisengebieten wie Südafrika und Nordirland. Voneinander lernen, wie die Spirale der Gewalt durchbrochen werden kann und die Hoffnungslosigkeit überwinden.

In Israel und Palästina gibt es viele Gruppen, die sich für Frieden und Menschenrechte einsetzen. Es gibt 1.200 Nichtregierungsorganisationen allein in Palästina, die sich für eine zivile Gesellschaft engagieren. Meist engagieren sich darin Frauen und junge Menschen. In den Medien hören wir nicht viel von ihnen, hier dominiert die Berichterstattung über Hass und Gewalt. Doch die Sehnsucht der Menschen, diese Spirale der Gewalt zu überwinden ist groß. Wer gibt ihnen eine Chance ? Wo bleibt die internationale Solidarität, die diese palästinensische Zivilgesellschaft unterstützt und stärkt?

Das Leben in den besetzen Gebieten ist geprägt von der Besatzungsmacht. Ein normales Leben ist nicht möglich, die tägliche Sorge um Essen, Wasser und Überleben prägt die Menschen. "Jeckpoint" - ein Wort, das uns tagtäglich begegnet, ein Symbol der Sicherheit für Israelis, ein Symbol der Willkür und Unterdrückung für die Palästinenser. Es ist die Angst, sich bei der Ausweiskontrolle "falsch" zu verhalten und erschossen zu werden, die Erniedrigung stundenlang in der sengenden Hitze warten zu müssen, die ohnmächtige Wut im Bauch, willkürlich herumkommandiert und erniedrigt zu werden. Das normale Leben wird durchbrochen, der Weg zur Arbeit, der nur 10 Minuten dauern würde, benötigt jetzt 2 - 3 Stunden (einfacher Weg) und vielleicht geht es auch gar nicht, weil er einfach geschlossen wird. Es sind die "wandernden Jeckpoints", die unseren Weg zum Seminarort immer wieder neu gestalten - die Taxifahrer versuchen sie zu umfahren, diese wechselnden Kontrollstellen irgendwo auf den Ausfallstraßen zu den palästinensischen Wohngebieten.

Den Glauben an die Zukunft haben viele verloren. Das Thema der Selbstmordattentäter wird durchzogen von dieser Hoffnungslosigkeit. Die Selbstmordrate unter den jungen Palästinensern ist sehr hoch, welchen Sinn könnte der Tod noch bekommen? Der Tod, der so alltäglich geworden ist: in den besetzten Gebieten bei den Angriffen durch die israelische Armee, durch willkürliche Verhaftungen, durch eine zu schnelle Bewegung, die irgendein Uniformierter als Bedrohung empfindet. Wir werden ständig konfrontiert mit den Geschichten aus dem Alltag, die von dieser Angst erzählen, nicht zu wissen wie der Tag endet. Auch sie haben nur einen Wunsch: in Sicherheit leben! Frieden ohne Sicherheit ist kein wirklicher Frieden.

Die internationalen Friedensaktivisten, die in die Kirche in Bethlehem und zu Arafat eindrangen, die die Hilfskonvois in die besetzten Gebiete begleiten, bei Demonstrationen mit dabei sind - sie sind den israelischen Militärs ein Dorn im Auge. Internationale Beobachter sind nicht erwünscht, die UNO wird nicht zugelassen. Doch die Not und das tägliche Leiden der Menschen kann uns nicht egal sein. So ist es nur zu begrüßen, dass "Friedensfachkräfte" des Zivilen Friedensdienstes bei dortigen Organisationen mitarbeiten, dass Menschen des "Schalom Diakonats" in die palästinensischen Dörfer gehen, um im Alltag präsent zu sein und das Freiwillige von Nonviolent Peaceforce ab Herbst verstärkt in die Region gehen werden. Es ist nur zu hoffen, dass sie die Einreisehürden schaffen.

Es wäre ein einseitiger Eindruck geblieben, hätte ich "nur" die palästinensische Seite besucht, hätte ich nur ein durchmilitarisiertes Israel kennengelernt. Aber es gibt auch das zivile Israel, das ebenfalls Sicherheit und Frieden wünscht und darum weiß, dass dies nur geht, wenn allen Menschen ein Recht auf ein normales Leben zugestanden wird. Amos Gvirtz, von der Friedensgruppe "Israelis and Palestinians against House Demolition", setzt sich gegen die Vertreibung von Palästinensern in den besetzten Gebieten ein. Sie dokumentieren, wie radikale Siedler die Menschen von ihrem Land vertreiben, wie das Militär die Aktionen der Radikalen fortführt und sie versuchen Aktionen für die Vertriebenen zu organisieren. Den Wasserdiebstahl Israels will er mit einer symbolischen Aktion publik machen: Wasserflaschen, abgefüllt an öffentlichen Plätzen in israelischen Städten und dann in die besetzten Gebiete transportieren, die kaum mehr Wasser bekommen.

So bleibt doch die Hoffnung, in der schier ausweglosen Spirale von Gewalt und Gegengewalt, dass Frieden möglich ist. Doch internationale Solidarität mit der Zivilgesellschaft ist gefordert, damit die Spirale der Gewalt endlich durchbrochen wird.

Einige interessante Links zu israelischen und palästinensischen Friedensgruppen: