
Internationaler Irakkongress
Marion Küpker
Der Irakkongress in Berlin Anfang November 2002 war mit 250 BesucherInnen ein
voller Erfolg. Größte Aufmerksamkeit galt dem US Republikaner und ehemaligen UN
Waffeninspekteur Scott Ritter, der die vollen sieben Jahre im Irak als Leiter eines UN
ABC-Waffeninspektionsteams tätig war. Ritter erklärte dort ausführlich warum er
überzeugt ist, dass der Irak heute nicht mehr im Besitz von Massenvernichtungswaffen
ist und diese auch nicht unbemerkt erlangen kann. Auf der Pressekonferenz wurde Ritter
auf den Widerspruch angesprochen, dass die früheren Inspektionen nur 90-95% der
irakischen Massenvernichtungswaffen aufgespürt und vernichtet haben. Dazu sagte
Ritter, dass dieses kein Widerspruch darstellt, da es um den Unterschied der qualitativen
und quantitativen Abrüstung dieser Waffen gehe. Eine qualitative Abrüstung zu 100% sei
gar nicht möglich und die Forderung der US Regierung, diese zu erfüllen verfehle das
eigentliche Ziel. Die Teile, die in der Auflistung bisher vermisst werden, sollen laut
Ritter, bekannt sein und nicht zur Herstellung neuer Waffen-Anlagen ausreichen. Weiter
sollen noch in den Inspektionsberichten fehlende biologische und chemische
Kampfstoffe keine Beunruhigung darstellen, da diese dort fehlenden Kampfstoffe nach
fünf Jahren ihre Wirkung verlieren und daher heute harmlos sein müssen. Alle Anlagen
zur Herstellung dieser ABC-Waffen wurden erfolgreich vernichtet und deren Neuaufbau
ist nicht ohne riesige finanzielle Aufwendungen und Importe aus dem Ausland möglich.
Diese Bewegungen könnten der Satellitenüberwachung und den internationalen
Geheimdiensten nicht verborgen bleiben. Er selbst spricht ganz klar davon, dass der Irak
fundamental abgerüstet wurde!
Für weitere Hintergrundinformationen empfehle ich das in Deutsch erschienene Buch
von Scott Ritter (siehe Kasten!).
Der stellv. wissenschaftliche Direktor des Instituts für Friedensforschung und
Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) Dr. Reinhard Mutz machte
deutlich, dass die seit über 10 Jahren durch den UN Sicherheitsrat aufrechterhaltenden
Wirtschaftssanktionen gegen den Irak völkerrechtswidrig sind, da Sanktionen nur zur
Beendigung eines Krieges eingesetzt werden dürfen. Hierüber hat der Völkerrechtler
Marc Boyssut für die UNO beim Internationalen Gerichtshof ein Gutachten erstellt. Die
Sanktionen sollen nur bis zu dem Zeitpunkt mit internationalem Recht übereingestimmt
haben, bis zu dem sich irakische Soldaten in Kuwait befanden. Eine Aufhebung der
Sanktionen war im UN Sicherheitsrat durch das Veto der USA nicht möglich und
mündete seit 1991 in weitere völkerrechtswidrige UN Resolutionen gegen den Irak. Mit
den Sanktionen ist die gesamte irakische Bevölkerung als Geisel genommen worden.
Dieses in Kollektivschuld Nehmen widerspricht dem Völkerrecht, wodurch
Menschenrechte durch die Vereinten Nationen verletzt werden. Selbst die Resolution
über die Waffeninspektionen ist vor diesem Hintergrund zu betrachten. Das Fortbestehen
der UNO steht auf dem Spiel. Für den Ernstfall soll es den UN Mitgliedsstaaten möglich
sein, den Sicherheitsrat, zu dem 15 Mitgliedsstaaten gehören, aufzulösen.
Um das Thema, welche Diskussionen es um eine Reformierung oder Auflösung der UNO
gibt, soll es auch im nächsten FreiRaum gehen. Einig sind wir uns darin, dass wir
unabhängige internationale Institutionen benötigen, um Probleme u. A. zwischen Staaten
und auch Bevölkerungsgruppen friedlich lösen zu können.
Graf Hans von Sponeck arbeitete ab 1968 für die Vereinten Nationen und verließ diese
aus Protest im Jahr 2000 als Leiter des UN Lebensmittelprogrammes. Er machte den
Völkermordcharakter dieser Sanktionen deutlich. U.a. sagte er, dass die irakische
Gesellschaft heute zerstört ist. Es gibt keine Mittelklasse mehr, 55% der Menschen leben
unter der Armutsgrenze... . Wer die Zerstörung der Infrastruktur des 2. Golfkrieges von
1991 und ihre anhaltenden Auswirkungen durch die Sanktionen für die Zivilbevölkerung
innerhalb der letzten 10 Jahre von über 1,5 Millionen Toten als Kolateralschaden
bezeichnet, würde es definitiv mit ihm zu tun bekommen. Der Irak zählt heute zu den
fünf ärmsten Ländern der Welt.
Es gab viele weitere interessante Beiträge z.B. des Professors Dr. Ulrich Gottstein von
IPPNW oder auch von der österreichischen Ärztin Dr. Eva-Maria Hobiger, die über ihre
negativen Erfahrungen, Hilfslieferungen an Krankenhäuser in den Irak zu schicken,
berichtete. Obwohl von den entsprechenden Stellen der UNO bestätigt wurde, dass sich
die gespendeten medizinischen Apparate nicht zum Herstellen von
Massenvernichtungswaffen eignen würden, hob die US Regierung ihr Veto gegen die
Lieferung nicht auf. „Wenn bekannte Hilfsorganisationen schon solche Probleme haben,
wie ergeht es dann ganz normalen Menschen".
Auch war der erste Abend der Veranstaltung mit einer Podiumsdiskussion zum Thema
Menschenrechte u. a. mit Barbara Lochbihler von Amnesty International ausgefüllt. Die
Gruppe, die sich meiner Meinung nach fälschlich als demokratische irakische Opposition
bezeichnete, verweigerte einen eigenen Beitrag und auch einen selbst gewählten
Referenten für die Konferenz, weil sie angeblich keine Plattform für Saddam Hussein
bilden wollten. Ich denke, sie wollten nicht, dass Bekannte aus ihren Kreisen hierdurch
als ZuhörerInnen für den Kongress mobilisiert werden und dort von international
anerkannten Experten eine andere Sichtweise über die Ursachen der jetzigen Zustände im
Irak bekommen. Der Teil der irakischen Opposition, der sich auch aktiv gegen einen
Irakkrieg und die Sanktionen stellt, war auf der Konferenz allerdings vertreten.
Der Krieg steht nach wie vor der Tür bzw. hat vielleicht schon bei der Erscheinung
dieses FreiRaums begonnen!
Seit unserer letzten Ausgabe ist wieder einiges passiert:
Unglaublich ist das weitere Vorgehen des UN Sicherheitsrates mit dem 11 800 Seiten
Dossier über die irakischen Massenvernichtungswaffen. So wurde der US Regierung
seitens des UN Sicherheitsrates die erste und alleinige Durchsicht zuerkannt. Aus
Gründen der inneren Sicherheit hat die US Regierung 8000 Seiten des Dossiers
zurückbehalten, um die Verbindung zu US amerikanischen Rüstungsunternehmen nicht
offen legen zu müssen. Wie kann sich ein Land demokratisch nennen, wenn mit dem
Schlagwort „innere Sicherheit" alle demokratischen Regeln außer Kraft gesetzt werden
können?! Wieso soll ein Land sich für seine Verantwortung für die Herstellung und den
Gebrauch von Massenvernichtungswaffen verantworten und ein anderes kann sich hinter
seiner Macht verstecken, auch der Macht sich demokratisch nennen zu können?! Hier
möchte ich auf die wunderbare Initiative eines Waffeninspektionsteams in den USA
(siehe Randspalte) hinweisen.
Während Bush ausgerechnet Henry Kissinger zur Untersuchung des Anschlages vom 11.
September beauftragte, welcher überraschend aufgrund der breiten Proteste selbst
zurücktrat, erfahren wir zudem von der Inhaftierung des von der US-Regierung
ausgesuchten Nachfolgers für Saddam Hussein in Dänemark. Dem sich im dänischen
Exil befindende General Nizar Khazraji wird vorgeworfen 1988 für den Befehl des
Giftgaseinsatzes auf das kurdische Dorf Halabja für ca. 5000 Tote verantwortlich zu sein.
Warum diese Verhaftung gerade diese sog. zerstrittene irakische Exilopposition
besonders trifft, lässt tief blicken.
Der Journalist Rainer Rupp schreibt dazu:
In London haben gerade 350 führende Exil-Iraker eine Konferenz abgehalten, bei der sie
mit US-amerikanischer Hilfe eine Art Exil-Regierung gründen wollen. General Nizar
Khazraji, der Berichten zufolge im irakischen Militär immer noch über großes Ansehen
verfügt, sollte
in dieser „Exil-Regierung" als Galionsfigur dienen und eine „bedeutende Rolle auf dem
militärischem und sicherheitspolitischem Gebiet" spielen.
Seine Verhaftung - so ein führendes Mitglied der irakischen Opposition - sei „ein
schwerer Rückschlag" bei den Bemühungen, eine glaubwürdige Alternative zu Saddam
Hussein aufzubauen. Außerdem mache es seine Verhaftung „sehr viel schwieriger,
andere Offiziere zum Überlaufen zu ermutigen, weil sie auch befürchten müssen, vor
Gericht gestellt zu werden."
Laut Tagesschau wurden der irakischen Opposition seitens der U.S. Regierung abgeraten
z. Z. eine Exil-Regierung zu gründen, da die irakische Bevölkerung sie nicht akzeptieren
würde.
Warum die irakische Bevölkerung zu ihrer Regierung hält, lässt sich meiner Meinung
nach aus den gemachten Erfahrungen in der Region erklären. Clemens Ronnefeld vom
Internationalen Versöhnungsbund schreibt dazu in seinem Buch: Die Neue NATO, Irak
und Jugoslawien:
1953 wurde mit US-Hilfe die demokratisch gewählte Regierung Mossadegh in Iran
gestützt, welche die Vorläuferfirma von BP (British Petroleum) verstaatlicht hatte. USA
und Großbritannien strangulierten das Land zunächst mittels eines Embargos; die
sozialen Unruhen nutzte dann die CIA, um den Schah an die Macht zu bringen. Selbst
nach acht Jahren (heute11 Jahren) Embargo und hunderttausenden Toten will Ähnliches
in Irak nicht gelingen.
Auch spricht hier niemand davon, dass die irakische Regierung im Falle der Aufhebung
der Sanktionen der USA schon längst angeboten hat die Menschenrechte vollständig
einzuhalten und auch Mitglied in der UNO werden zu wollen. Stattdessen wurde letzten
Frühjahr der weltweit geachtete Chef der Internationalen Chemiewaffenkontrollbehörde
(OPCW-Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons), der Brasilianer Jose
Bustani gegen seinen Protest bei der UNO durch eine beispiellose Kampagne, mit Druck
und Erpressung durch die US Regierung, entlassen. Während seiner Amtszeit wurden
zwei Millionen Chemiewaffen zerstört und zwei Drittel aller Produktionsanlagen
inspiziert. Er passt nicht mehr ins US-Konzept, weil er an der Gleichbehandlung aller
Mitgliedsländer der OPCW, inklusive der Vereinigten Staaten, festhält - vor allem
jedoch, weil er sich für die Mitgliedschaft des Irak in der OPCW einsetzt. Damit aber
wäre dem geplanten Krieg der Boden entzogen.
Könnte Saddam Hussein in der UNO als Regierungsvertreter für den Irak akzeptiert werden?!
Die Friedensbewegung tut sich schwer an dieser Frage, aus Angst als
Diktatorbefürworter dazustehen. Ich denke diese Frage kann nur die irakische
Bevölkerung selbst beantworten. Die Hände welcher Regierung sind heute nicht mit Blut
befleckt?! Müsste die UNO sich dann nicht schon aus diesem Grund selbst auflösen?!
Wichtig ist die Bereitschaft der Regierungen, auch die der USA, zusammenzukommen
und den Weltfrieden und eine gerechte und umweltfreundliche Verteilung der Resourcen
zu verhandeln. In der Geschichte gab es u.a. die Erfahrung der Irokesenkonföderation, in
der verschiedene indianische Stämme, die sich über Jahrhunderte bekämpft hatten, „das
große Gesetz des Friedens" verabschiedeten. Teile dessen sind damals sogar in die
amerikanische Verfassung übernommen worden. Oder auch für die Christen unter uns:
„Feindesliebe bedeutet, auch dem Feind die Fähigkeit zur Umkehr, die Sinnesänderung,
das andere Verhalten zuzutrauen. Die Liebe ignoriert die Feindschaft nicht, sie macht
vielmehr fähig, sie zu überwinden".