
Abrüsten statt abwehren
Wolfgang Schlupp-Hauck
Trotz aller Notwendigkeit des Protestes und von Aktionen gegen Irakkrieg
brauchen wir in der Friedensbewegung langfristige Orientierungen.
„Entweder schaffen wir die Rüstung ab - oder die Rüstung schafft uns ab,"
schrieben wir bei einer Blockade auf ein Transparent vor dem Pershingdepot.
Dieser Satz hat seine Gültigkeit nicht verloren. Keine Atomare Abschreckung,
keine Raketenabwehr kann auf Dauer Sicherheit garantieren.
Der INF-Vertrag, mit dem die Pershing II- und SS 20-Mittelstreckenraketen aus
der Welt geschafft wurden,weist einen Weg zur Abrüstung. Mit ihm wurde ein
Waffensystem abgeschafft, nicht nur Obergrenzen dafür festgelegt. Die
Abrüstung wurde durch ein Verifikationssystem, das erstmals „On-site
Inspections", Kontrollen vor Ort erlaubte, überwacht. 2692 Raketen wurden
verschrottet und 540 Inspektionen führten die USA durch und 311 die
Sowjetunion.
Zur Zeit scheinen die Politiker die Abrüstung aus dem Blick zu verlieren, nicht
nur in den USA, wo Bush den ABM-Vertrag gekündigt hat, um die
Raketenabwehr samt Weltraumwaffen bauen zu können. Auch in Europa werden
schnelle Eingreiftruppen aufgebaut und über Raketenabwehr nachgedacht.
Aufmarschieren und Aufrüsten
All dies ist in den Hintergrund gedrängt durch den Aufmarsch der US-Krieger
am Golf. Mit nur wenig Hoffnung versuchen wir zur Zeit, Protest und
Widerstand gegen den drohenden Irakkrieg zu leisten. So hart es ist: Selbst wenn
wir erfolgreich sind, wird es nicht der letzte Krieg sein, gegen den wir unsere
Stimme erheben müssen.
Die aktuellen Aufgaben sollten uns aber nicht den Blick verstellen auf die
militärtechnologischen und -politischen Entwicklungen, die im Hintergrund
laufen und mit denen die nächsten Kriege vorbereitet werden.
US-Präsident George W. Bush befahl den Streitkräften nach Angaben aus dem
US-Verteidigungsministerium im Dezember, die ersten Abfangraketen 2004 auf
in Thule, Alaska, zu stationieren.
In White Sands, New Mexico, wurden erfolgreiche Versuch für Laserwaffen
gemacht, Schritte auf dem Weg zu luft- und weltraumgestützten Laserwaffen.
Wie eng Verteidigung und Angriff verbunden sind, macht die israelische
Anforderung von deutschen Patriot-Raketen deutlich. Sie sollen die israelische
Raketenabwehr bei einem Angriff auf den Irak verstärken. Vier erfolgreiche
Tests des eigenen Systems „Arrow" wurden dieser Tage im israelischen
Rundfunk gemeldet.
Obwohl Indien und Pakistan im Frühjahr am Rande eines Atomkrieges standen,
testete Indien Anfang Januar eine atomwaffenfähige „Agni"-Rakete.
Der Jemen kauft sich konventionelle Scud-Raketen. Die USA bringt das Schiff
auf.
China hat den Start eines „Taikonauten" angekündigt. Die militärische Botschaft
lautet: Wer Menschen in die Erdumlaufbahn schickt, kann auch Atomwaffen
zielgenau an jeden Punkt der Erde befördern.
Atomares Dilemma
Nordkorea hat den Atomwaffensperrvertrag gekündigt. Die Lehre für die Welt
scheint die zu sein, wer Atomwaffen besitzt, braucht sich vor der USA nicht zu
fürchten, denn gegen militärische Drohgebärden der Weltmacht USA hat Kim
nun ein schreckliches Mittel zur Gegenwehr: Er könnte die südkoreanische
Hauptstadt Seoul (10 Millionen Einwohner) mit einem Nuklearschlag
auslöschen, mit entsprechender Raketentechnik womöglich sogar Tokio (26
Millionen Einwohner) treffen. Schon die großen konventionellen Fähigkeiten
waren immer eine Trumpfkarte Nordkoreas. Mit dem Besitz von Atomwaffen
hat es sich nun praktisch unangreifbar gemacht.
Mit dem Aufbau der Raketenabwehr soll dieses atomare Dilemma überwunden
werden, und auch solche Staaten sollen wieder erpress- und angreifbar werden.
Die Aufrüstunsspirale dreht sich so weiter.
Gewaltspirale Überwinden
Doch gilt dieses Abschreckungsgedanke nur vorübergehend. Abschreckung wird
nicht immer funktionieren. Die Gefahr des Atomkriegs bleibt bestehen, solange
es dieses Waffen gibt.
Es gilt daher, die atomaren Drohpotentiale abzubauen. Nur so kann Sicherheit
geschaffen werden. Dazu gehört der Abbau der bedrohlichsten Trägersysteme,
die Raketen und die Vernichtung der Sprengköpfe.
Wir können von andern nur verlangen, was wir selbst ausführen, d.h.
„Atomwaffen bei uns abschaffen - bei uns anfangen". Die Aufgabe der
nuklearen Teilhabe wäre dazu ein erster Schritt, der keiner Zustimmung eines
anderen Staates bedürfte, der Abzug ein zweiter. Auf internationaler Ebene
sollte die Diplomatie den Vorrang bekommen, also „Raketen abrüsten statt
abwehren."
Mit dem INF-Vertrag wurde dazu ein Anfang gemacht. Unsere Proteste haben dazu beigetragen. Setzen wir uns dafür ein, daß weitere Schritte folgen.