Von der Friedensbewegung zur Anti- Atom-Bewegung und zurück
von Jochen Stay
Jochen Stay lebte von 1986 bis 1988 in der Pressehütte Mutlangen, beteiligte sich danach an Kampagnen gegen Großmanöver und Atomtransporte, ist seit 1996 bei "X-tausendmal quer" (1) aktiv und gehört aktuell auch zum TrägerInnenkreis der Selbstverpflichtungskampagne zum Widerstand gegen den Irak-Krieg.(2) Er beobachtet: Der Ziviler Ungehorsam als Großaktion ist auf dem Weg durch die Bewegungen und erweitert deren Protestpotenzial.
2.999 Menschen wurden aufgrund von Blockaden in Mutlangen wegen Nötigung angeklagt. Zwischen 1983 und 1987 beteiligten sich viele Tausende an Aktionen vor den Toren des Pershing-Depots, ab 1984 im Rahmen der "Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung".
Neben der politischen Wirkung der Blockaden ergab sich noch ein weiterer wichtiger Effekt: Durch die Vielzahl der Aktionen und durch einen sehr offenen Diskussionsprozess in der Kampagne konnte der massenhafte Zivile Ungehorsam theoretisch und praktisch weiterentwickelt werden. Bezugsgruppensystem, Prozessstrategien, Umgang mit Knast, Umgang mit Gesprächsangeboten, Mobilisierungstechniken, Rechtfertigung von Ungehorsam, in all diesen Bereichen entstanden schlicht durch die große Anzahl an Erfahrungen große Lernprozesse. So konnten einerseits viele der Aktiven persönlich zu "Ungehorsams-Profis" werden. Andererseits bilden die Ereignisse von Mutlangen für die gewaltfreie Bewegung in der Bundesrepublik (und darüber hinaus) einen so reichhaltigen Erfahrungsschatz, dass noch bis heute davon gezehrt werden kann.
Nach der Abrüstung der Pershing-Raketen gab es längere Zeit keine Großaktionen des Zivilen Ungehorsams. Die Aktiven von Mutlangen waren in verschiedenen Bereichen mit "kleinem" Ungehorsam aktiv, beispielsweise innerhalb der Friedensbewegung gegen Atomtests, atomare Kurzstreckenraketen und NATO-Großmanöver, später gegen Kriege am Golf, im Kosovo und Afghanistan und schließlich in der Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen (GAAA).
Ein anderer Teil der Mutlanger Aktiven begann sich stärker in die Auseinandersetzung um die Atomkraft einzubringen, beispielsweise gegen Atomtransporte in Neckarwestheim Ende der 80er Jahre oder in den Aktionen der Mahnwache Gundremmingen. Aber auch hier waren es meist kleinere Gruppen, die mit teilweise spektakulären Aktionen viel Aufsehen erregten, aber nicht an den massenhaften Ungehorsam von Mutlangen anknüpfen konnten.
Erst mit der 1996 gestarteten Kampagne "X-tausendmal quer" gegen die Castor-Transporte nach Gorleben gelang es wieder, sehr viele Leute für Aktionen des Zivilen Ungehorsams zu begeistern. An der Castor-Blockade 1997 nahmen 9.000 Menschen teil, viele davon in Bezugsgruppen organisiert, die sich im Konsensverfahren über einen SprecherInnenrat koordinierten.
Viele Anregungen für die Entwicklung von "X-tausendmal quer" kamen aus den Mutlanger Erfahrungen: die Mobilisierung mittels Selbstverpflichtung und Solidaritätserklärung, eine "Übereinkunft" aller AktionsteilnehmerInnen über ihr Verhalten während der Blockade, ja auch der Mut, Großes zu wagen. Und auch personell gab es durchaus Kontinuitäten.
Die Aktionen von "X-tausendmal quer" gehen bis heute weiter. Der nächste Castor-Transport wird in der zweiten Novemberwoche nach Gorleben rollen In den Jahren seit 1996 wurden viele Erfahrungen mit Großaktionen Zivilen Ungehorsams gemacht, Neues ausprobiert, manches verworfen, anderes weiterentwickelt.
Spannend ist, dass jetzt auch die Friedensbewegung wieder von diesen Erfahrungen profitieren kann. Die kürzlich angelaufene Selbstverpflichtungskampagne zur Ankündigung von Widerstand im Falle eines Irak-Krieges plant große Aktionen Zivilen Ungehorsams, u.a. an der Frankfurter US-Airbase. An der Vorbereitung beteiligt sind auch einige derjenigen, die in den letzten Jahren bei "X-tausendmal quer" aktiv waren oder noch sind.
Jochen Stay wird als "Bewegungsarbeiter" von einigen UnterstützerInnen finanziert und freut sich, wenn dieser Kreis noch wächst. Kontakt: j.stay@jpberlin.de oder 05841-4521
Fußnoten:
(1) In der ersten Novemberhälfte soll der bisher größte Castor-Tranport aus La Hague ins Wendland rollen. x-tausendmal quer bietet 8 Möglichkeiten des Widerstandes gegen Castor und Atomkraft, von der Selbstverpflichtung bis zur Spende, mehr dazu unter www.x1000malquer.de.
(2) Selbstverpflichtungen: "Für den Fall, dass die US-Regierung mit dem Angriff beginnt, erkläre ich heute schon, mich an Protesten, Demonstrationen und/oder Aktionen zivilen Ungehorsams vor US-Militäreinrichtungen, US-Konsulaten und der US-Botschaft in Berlin zu beteiligen." können bei der Friedenskooperative, Römerstr. 88, 53111 Bonn und per E-Mail: friekoop@bonn.comlink.org abgegeben werden.