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Frieden ist, oder Krieg

Abschied von der Kindheit

Von Daniel Berrigan

Wir haben den Namen Friedensstifter angenommen, doch wir waren – aufs Ganze gesehen – nicht bereit, einen nennenswerten Preis dafr zu bezahlen. Und weil wir den Frieden mit halbem Herzen und halbem Leben wollen, geht der Krieg natrlich weiter, denn das Kriegfhren ist seiner Natur nach total, doch das Friedefhren ist aufgrund unserer Feigheit partiell. So gewinnt ein ganzer Wille, ein ganzes Herz und ein ganzes nationales Leben, auf Krieg aus, Oberhand ber das kraftlose, zgernde Wollen des Friedens. In jedem nationalen Krieg seit Grndung der Republik hielten wir es fr selbstverstndlich, da der Krieg die hrtesten Kosten auferlegt und da diese Kosten mit freudigem Herzen bezahlt werden sollten. Wir halten es fr selbstverstndlich, da in Kriegszeiten Familien fr lange Zeit getrennt, Mnner eingesperrt, verwundet, in den Wahnsinn getrieben, an fremden Strnden gettet werden. Vor solchen Kriegen erklren wir ein Moratorium fr jede normale menschliche Hoffnung – fr Ehe, Gemeinschaft, Freundschaft, fr moralisches Verhalten gegenber Fremden und Unschuldigen. Wir werden belehrt, da Entbehrung und Disziplin, privates Leid und ffentlicher Gehorsam unser Los sind. Und wir gehorchen. Und wir erleiden es – denn leiden mssen wir –, denn Krieg ist Krieg, und guter Krieg oder schlechter, wir haben ihn und seine Kosten auf dem Hals.
Doch was ist der Preis des Friedens? Ich denke an die guten, ehrbaren, friedliebenden Leute, die ich zu Tausenden kenne, und ich frage mich: Wie viele von ihnen leiden an der zehrenden Krankheit der Normalitt, soda, selbst wenn sie sich zum Frieden bekennen, ihre Hnde in instinktivem Krampf in Richtung ihrer Angehrigen, in Richtung ihres Komforts, ihres Heims, ihrer Sicherheit, ihres Einkommens, ihrer Zukunft, ihrer Plne greifen – des Fnfjahresplans fr das Studium, des Zehnjahresplans fr die berufliche Stellung, des Zwanzigjahresplans fr das familire Wachstum und die familire Eintracht, des Fnfzigjahresplans fr ein anstndiges Berufsleben und eine ehrenvolle Entlassung in den Ruhestand. „Natrlich wollen wir den Frieden”, so rufen wir, „doch zugleich wollen wir die Normalitt, zugleich wollen wir nichts verlieren, wollen wir unser Leben unversehrt erhalten, wollen wir weder Gefngnis, noch schlechten Ruf, noch die Zerreiung persnlicher Bindungen.” Und weil wir dieses erlangen und jenes bewahren mssen, und weil der Fahrplan unserer Hoffnungen um jeden Preis – um jeden Preis – auf die Minute eingehalten werden mu, und weil es unerhrt ist, da im Namen des Friedens ein Schwert niederfahren soll, das jenes feine und kluge Gewebe, das unser Leben gesponnen hat, zertrennt, weil es unerhrt ist, da gute Menschen Unrecht leiden sollen, Familien getrennt werden oder der gute Ruf dahin ist – deswegen rufen wir Friede und rufen Friede, und da ist kein Friede. Da ist kein Friede, weil da keine Friedensstifter sind. Es gibt keine Friedensstifter, weil das Friedenstiften mindestens so kostspielig ist wie das Kriegfhren – mindestens so anspruchsvoll, mindestens so zerreiend, mindestens so geeignet, Schande, Kerker und Tod nach sich zu ziehen.