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Atomkraft

Anfang 1990 am Rande eines Atomkriegs
Amerikanische Studie stellt zunehmende Gefahr durch Kernwaffen fest

Die Gefahr eines Atomkriegs ist trotz der Ost-West-Entspannung gewachsen. Zu diesem Schlu kommt ein gestern in Washington vorgelegter Bericht der US-amerikanischen Carnegie-Stiftung. Als Grund fr die zunehmende Bedrohung wird die vermehrte Entwicklung von Atomwaffen und Raketen im Nahen Osten und in Asien genannt.

Im indisch-pakistanischen Konflikt um eine Separatistenbewegung in Nordindien standen Anfang 1990 zum ersten Mal zwei atomwaffenfhige Dritte-Welt-Lnder am Rande eines Krieges, heit es in dem Bericht "Nuclear Ambitions" (Nuklearer Ehrgeiz). Nach Darstellung der Carnegie-Stiftung mu auch die Nuklearkriegsgefahr im Nahen Osten sehr ernst genommen werden. Israel, das gegenwrtig 60 bis 100 Atomsprengkpfe besitzt, habe mehrfach implizit mit dem Einsatz von Atomwaffen gegen Irak und andere arabische Lnder gedroht, sollten sie Israel mit chemischen Waffen angreifen. Auch Indien, Pakistan und Sdafrika mten mit zu den Atomwaffenstaaten gerechnet werden.

Relativ weit fortgeschritten sei die Entwicklung von Nuklearwaffen im Irak und in Nordkorea, obwohl beide Lnder den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hatten. Irak hat sein Kernforschungsprogramm nach mehrjhriger Pause in den vergangenen zwei Jahren wieder aufgenommen. Iran und Libyen htten in den vergangenen zwei Jahren ihr Interesse an der Entwicklung von Atomwaffen bekrftigt. Vor allen Libyen besitze jedoch nicht die erforderlichen technischen Fhigkeiten.

Als besonders gefhrlich wird im Carnegie-Bericht der Trend be-

zeichnet, da sich keiner der neuen Nuklearwaffenstaaten auf die Herstellung einfacher Atomwaffen beschrnkt. Vielmehr sei eine rapide Verbreitung von Mittel- und Langstreckenraketen zu beklagen, die mit nuklearen oder chemischen Sprengkpfen bestckt werden knnen. Israel habe demonstriert, da es zur Herstellung von Interkontinentalraketen fhig sei. Indien hat 1989 eine Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von 2400 Kilometer getestet. Sdafrika verfgt ber einen Raketentyp mit einer Reichweite von 1400 Kilometer, whrend Pakistan 1989 eine 300 Kilometer weit reichende Rakete getestet habe. Irak und Iran verfgen dem Bericht zufolge ber konventionelle Raketen mit einer Reichweite bis 640 Kilometer. Besonders bedrohlich nennt die Studie die Verbreitung von Mittelstreckenraketen auch in bezug auf chemische Waffen: Israel, Irak, Iran, Nordkorea, Syrien und gypten besen anscheinend sowohl Raketen als auch chemische Waffen, die mit diesen Raketen ber groe Entfernungen transportiert werden knnten. Schuld an dieser Entwicklung seien in den meisten Fllen technische Hilfsprogramme und Waffenverkufe westlicher Industrienationen und der Sowjetunion. Ein Nachlassen der nuklearen Gefahren stellt "Nuclear Ambitions" in Lateinamerika fest, wo Brasilien und Argentinien ihre Nuklearwaffenprogramme gebremst htten. epd

Sdwestpresse 20.9.1990