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Bundesverfassungsgerichts-Blockade

Fortsetzung von der vorigen Seite Davor kann ich ebensowenig meine Augen verschließen wie vor der Vancouver-Erklärung des Weltkirchenrates von 1983, in der schon die Stationierung von Kernwaffen ein Verbrechen gegen die Menschheit genannt wird, und vor dem Wort Carl-Friedrich von Weizsäckers 1984 vor dem Lutherischen Weltbund in Budapest: „Die Drohung mit einem Verbrechen ist nur wirksam, wenn wir klarmachen, daß wir es im Ernstfall auch begehen würden; auch dies ist ein Verbrechen.” Ich kann und will nicht wegsehen, wie die Mehrheit unserer Eltern, so verständlich das war, weggesehen hat, als Mitbürger einen Judenstern tragen mußten. Dieses Wegsehen hat Auschwitz erst mit möglich gemacht. Dorothee Sölle nennt die Pershing 11-Rakctcn „fliegende Verbrennungsöfen”. Deshalb gilt die Mahnung aus dem fünften Flugblatt der Geschwister Scholl ”Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt! Entscheidet Euch, ehe es zu spät ist!” auch heute, verpflichtet sie auch mich. Darin weiß ich mich mit Inge Aicher-Scholl einig, die ebenfalls vom Amtsgericht Schwäbisch Gmünd – besser: Pershing Gmünd – verurteilt wurde.

Angesichts meiner Ohnmacht mag man meinen Sitzprotest nur als 'gestische Argumentation' deuten. Aber ich meine ernst, was auf meinem gelben Schild bei meiner Festnahme stand: „Vor- und Nachrüsten verboten! Bürger haften für ihre Politiker! Art. 3 Friedensgesetzbuch.” Ich meine den Text auf unseren lila Kirchentagstüchern ernst: „Umkehr zum Leben. Die Zeit ist da für ein NEIN ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen.” Damit wollten wir den Fahrern des US-amerikanischen Militärkonvois deutlich machen: Wir widersetzen uns. Wir weisen Euch den Weg, umzukehren. Wollt Ihr aber auf Eurem verderbenbringenden Weg fortfahren, so müßt Ihr uns aus dem Wege räumen lassen. Wir wollten ein lebendiges Verkehrszeichen sein, ein Warn-, ein Stoppschild: Weiterfahren verboten!
So mein Gegenüber sehr konkret behindern wollend, verstehe ich meinen Sitzprotest entscheidend als Gewissensappell:
an die GI's, ohne deren Mitwirkung keine Pershing II gewartet, gefahren, gezündet werden kann, sie sind nicht 'unbeteiligte Dritte', sie können die ihnen erteilten Befehle befolgen oder verweigern (mir ist bewußt, daß wir auch die Folgen des Verweigerns nicht geringschätzen dürfen); sie sind Wahlberechtigte in den USA
an die deutschen Polizisten, die dort sagen, sie täten nur ihre Pflicht; was aber ist ihre Pflicht?
an das deutsche Wachpersonal
an unsere Abschreckungspolitiker
an die breitere Öffentlichkeit, die vielleicht auch durch unsere Verfassungsbeschwerden weiter aufgerüttelt werden kann.
Indem ich meinem Gegenüber in Mutlangen mein Schild mit dem englischen und deutschen Text „Pershing II - Bereitschaft zum Massenmord! Leiste keine Beihilfe! Auch Du bist verantwortlich!” entgegenhalte, mahne ich ihn unmittelbar (mittelbar alle, die davon erfahren) zur Umkehr. Ich zwinge mein gegenüber nur, sich zu entscheiden: innezuhalten oder weiterzufahren, umzukehren oder auf seinem Weg fortzufahren, mich beiseite schaffen zu lassen, jetzt noch durch die Polizei, später muß er 'über Leichen gehen'. Aber ich sitze dort nicht mit Maschinengewehr oder Rakete. Um keinen Preis will ich ihn zwingen, gegen seine Überzeugung zu handeln. Ich fordere seine Freiheit, sein Menschsein, seine Würde heraus. Das ist, denke ich, das Gegenteil einer Straftat gegen die persönliche Freiheit.
Heinz-Günter Lambertz vor dem Bundesverfassungsgericht am 15. Juli 1986