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Die Senioren-Blockade 1986
DIENSTAG, 12/1/88   taz
„Ich bin beschämend spät aufgewacht”
Weil sie sich weigert, eine Strafe wegen einer Mutlangen-Blockade zu zahlen, sollte die 65jährige Luise Olsen ins Gefängnis / Die 65jährige wollte sich nicht freikaufen für eine „Tat”, die sie aus Überzeugung begangen hatte
Fortsetzung von der vorigen Seite Daß Frau Olsen sich vor vier Jahren aufmachte, wenigstens etwas von diesem Schweigen wieder gutzumachen, hatte sie anfangs ihrem Sohn Hinrich zu verdanken. Als der in der Mutlangener Pressehütte vor dem Pershing-Stützpunkt aktiv wurde, begann auch sie sich über Rüstungspolitik zu informieren. „Ich habe gelesen und gelesen, und irgendwann wußte ich einfach zuviel und konnte nicht mehr zurück.” Nach mehreren Besuchen in Mutlangen traute sich Luise Olsen, „ein Stück ihrer angelernten preußischen Vasallentreue” über Bord zu werfen und sich vor den Pershings auf die Straße zu setzen. Als sie dannm merkte, daß die Polizei zwar die jüngeren Leute abräumte, die älteren aber
an den Straßenrand drängte, hatte sie, wie sie sagt, „die beste Idee meines Lehens”: Sie rief zu Seniorenblockaden in Mutlangen auf, zu denen dann auch an die 500 ältere Menschen kamen.
  „Gerade wir Älteren wissen doch, was Krieg bedeutet”, meint Luise Olsen, „uns nimmt man vielleicht auch ernster. Außerdem: Wir haben viel, viel Zeit, und da müssen wir die Jüngeren doch unterstützen.” Daß allgemein über die „Jugend von heute” geschimpft wird, kann Frau Olsen überhaupt nicht verstehen: „Ich finde das ist eine ganz tolle Generation, die da heranwächst. Mit welcher Ernsthaftigkeit sich da viele auseinandersetzen! Im Vergleich dazu war ich früher eine dumme Gans.”
  In den letzten vier Jahren, seit sie sich aktiv in die Politik einmischt, hat sich Luise Olsens Leben verändert. „Ich esse anders, ich kleide mich anders, ich verbrauche weniger Strom, das ist wie ein zweiter Lebensabschnitt. Und wenn man erst anfängt, sich mit der Rüstung zu beschäftigen, stößt man schnell auf andere Zusammenhänge: auf die Situation in der Dritten Welt, auf das Problem des Welthungers oder auch auf die Praktiken der Gerichte. Das ist wie eine Lawine, die immer neue Erkenntnisse bringt.”
  Auch deshalb bedauert Luise Olsen, daß sie nun ihre Strafe nicht absitzen darf. Denn bei allem „Bammel” vor der Gefängnissituation hatte sie sich auch auf eine Begegnung mit
den Frauen dort gefreut. Und auch einige der Gefangenen waren neugierig auf die grauhaarige 65jährige „Neue” und hatten schon Interesse an einem Gesprächskreis mit ihr geäußert. Jetzt will Frau Olsen sich um eine Besuchserlaubnis für die Frauen im Vechtaer Gefängnis bemühen.
  Daß die Staatsanwaltschaft jetzt versuchen wird, ihre Rente zu pfänden, wird Luise Olsen finanziell verkraften. Aber sie ärgert sich über diese Zwei-Klassen-Justiz, wo sie draußen bleibt, während sich hinter ihrer jüngeren Mitblockiererin Christel Könemund gestern in Bremen die Gefängnistore schlössen und am 1. Februar eine andere Mutlangen-Blockerierin, Kathrin Knobloch, eine fünfzigtägige Strafe absitzen muß.