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Die Senioren-Blockade 1986
DIENSTAG, 12/1/88   taz
„Ich bin beschämend spät aufgewacht”
Weil sie sich weigert, eine Strafe wegen einer Mutlangen-Blockade zu zahlen, sollte die 65jährige Luise Olsen ins Gefängnis / Die 65jährige wollte sich nicht freikaufen für eine „Tat”, die sie aus Überzeugung begangen hatte
Aus Oldenburg Vera Gaserow
Mit einiger Neugier hatten die Frauen in der Justizvollzugsanstalt Vechta gestern nachmittag auf die neue Mitgefangene gewartet, doch dann kam alles anders. Die Frau, die eigentlich für 20 Tage zu ihnen hinter die Gefängnismauern kommen sollte, heißt Luise Olsen, ist 65 Jahre alt und hat weder goldene Löffel gestohlen noch jemanden um die Rente betrogen. Die sträfliche „Tat” der pensionierten Oldenburger Lehrerin war, an einer Blockadeaktion gegen die Raketen in Mutlangen teilgenommen zu haben. "Gemeinschaftliche Nötigung" und "besonders verwerflich" nannte das Landgericht Ellwangen dieses Tun und verurteilte Luise Olsen zu einer Geldstrafe von 600 Mark. Doch Frau Olsen dachte nicht daran, zu zahlen. Schließlich sei das kein "Kavaliersdelikt", was sie dort in Mutlangen gemacht habe, sondern eine Sache, zu der sie „aus ihrer Verantwortung als Staatsbürgerin und Christin” auch öffentlich stehen wolle.
Foto: Eckard Schäfer
Luise Olsen
Foto: Eckard Schäfer
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„Und die 600 Mark würden dann ja doch wieder dem Staat zufließen und indirekt der Rüstung zugute kommen”, sagt sie. Außerdem: Warum sollte sie sich freikaufen, während ihre Mitblockierer, die nicht genug Geld hätten, ins Gefängnis wanderten?
Nein, gezahlt wird nicht, beschloß Luise Olsen, und Ende November kam prompt vom Ellwanger Gericht die Ladung zum Haftantritt. Am 11. Januar Punkt 15 Uhr hätte die Verurteilte Olsen ihre Haft im Frauengefängnis Vechta anzutreten. Doch nachdem der Fall der engagierten Rentnerin durch die Presse ging, war die Sache der Ellwanger Staatsanwaltschaft dann doch reichlich peinlich. In letzter Minute ließ sie Luise Olsen am Wochenende mitteilen, daß ihre Haftstrafe vorerst ausgesetzt sei. Ganz plötzlich habe man entdeckt, daß Frau Olsen möglicherweise ja zahlungsfähig sei, und wer seine Geldstrafe abbezahlen kann, darf nicht in den Knast.
Frau Olsen selbst findet diesen plötzlichen Rückzieher der Justiz „jammerschade”. Nicht daß sie eine Märtyrerin sei, aber sie hätte mit ihrem Haftantritt gern die Aufmerksamkeit auf den Umgang der Justiz mit den Raketenblockierern gelenkt und die Öffentlichkeit ein bißchen wachgerüttelt.
So richtig aufgewacht ist die 65jährige selbst erst vor gut vier Jahren. Vorher hatte sie ein ganz normales – wie sie sagt – „beschauliches” Leben geführt. Sie hatte zwar regelmäßig Zeitung gelesen, sich hin und wieder auch über etwas aufgeregt, aber selbst einzugreifen, das lag ihr fern. Außerdem waren da noch die Familie, die vier Söhne, die sie großzuziehen hatte, und ihr Beruf. „Heute”, sagt Luise Olsen „schäme ich mich dafür. daß ich erst so spät aufgewacht hin.” Während der Nazizeit, so bekennt sie, hat sie in München zusammen mit den Geschwistern Scholl studiert. Sie hat die Scholls zwar damals schon für ihren Mut zum Widerstand heimlich bewundert, aber „ich bin doch nie auf die Idee gekommen, ich könnte selber etwas ähnliches tun! Wir allen Leute haben doch nicht nur während der Nazizeit geschwiegen. Wir haben doch auch in der Adenauer-Ära geschwiegen zur Wiederbewaffnung und zur Errichtung der Bundeswehr.” Dieses eigene Schweigen empfindet Luise Olsen heute noch als beschämend.