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Die Senioren-Blockade 1986
... „Wehrt euch”, sangen die Alten, „wehrt euch, leistet Widerstand gegen die Raketen in dem Land”. Die Rder vor ihnen schienen hher und breiter zu werden. Was, wenn sie nicht anhalten, durchfuhr es Freia, und sie glaubte, da alle um sie herum dasselbe dachten. Sie sa in der zweiten Reihe auf einer Plane, ihren Klappstuhl hatte sie Sonja berlassen. Whrend sie warteten und der Lrm, die Anspannung und ihr gemeinsamer Wille, dies jetzt durchzustehen, ihre Gesichter klein und verhrtet erscheinen lieen, fuhr eine Regenbe zwischen sie. Freia leckte sich die Lippen und pustete Wasser von sich, sie bewegte die Lider, um mglichst genau zu sehen. Der Wind fegte so wild in die Reihen, da ihr Umhang wie eine Fahne flatterte und einige Schirme, die andere ber den Kpfen hielten, nach hinten klappten.

Freia fhlte, da alles, was sie sich im voraus ausgemalt hatte, vor diesem Augenblick versagte. Zugleich war in ihr der Gedanke: Es ist alles schon geschehen, das hier ist nur das uere, es mu noch ablaufen, ich habe alles lngst in mir ausgetragen. Sie, Freia Bock, blockierte mit ihrem zerbrechlichen Krper einen Manverkonvoi. Sie sperrte die Durchfahrt gemeinsam mit so vielen anderen, die ihr mutiger erschienen, als sie sich fhlte. Golden Eagle, Steinadler! Sie lie sich auf Krfte ein, die ihr und den anderen weit berlegen waren. Der Schlepper vor ihr fauchte, der Motor heulte auf, und die Rder kamen mahlend Meter um Meter heran. Eisenblech, Stostangen, Glas, Metallblcke und irgendwo in der Kolonne Raketenkrper mit der kautschukartigen Masse, die die Sprengkpfe ber mindestens 1800 Kilometer nach Osten treiben
konnte, ersonnen in den Kpfen von Physikern und Technikern, ausgefhrt in Fabriken, angefertigt fr Millionen Stundenlhne, in Auftrag gegeben von Politikern jenseits des Atlantiks, gutgeheien durch die Regierung am Rhein, ohne da die Bevlkerung gefragt wurde.

Noch eineinhalb oder zwei Meter bis zur ersten Reihe der Alten. Der Kolo ragte vor ihnen auf, und der Fahrer machte keine Anstalten anzuhalten, zentimeterweise schoben sich die Rder vorwrts, und die schwarzgrauen Reifen drehten Profil um Profil in den Dreck. Schlamm und Wasser spritzten auf. Gewi stellte der Mann am Steuer sie nur auf die Probe, gewi wollte er nur die Angst in ihnen steigern, sich vielleicht fr die Verzgerung rchen, oder er tat gleichgltig, was ihm befohlen war – aber so empfindungslos konnte er nicht sein. Fr einen Moment dachte Freia daran, da er sich in der schwierigeren Position befand. Und sie sprte keinen Ha, nicht einmal Abneigung gegen ihn, alles in ihr richtete sich gegen die Aufgabe, der er unterworfen war, wer wei wie notgedrungen. Natrlich hatte sie Angst, und wie sollten die anderen vor ihr, neben ihr keine Angst haben? Sie saen da in ihren gelben, blauen oder roten Capes und Anoraks und blickten weiter geradeaus auf die Stostangen und Rder. Viele preten ihre Hnde zusammen, preten die Lippen aufeinander, wenn sie nicht sangen. „Wehrt euch, schliet euch fest zusammen!” Auf einmal wurde der Kanon von dem anderen Lied bertnt, und sie sangen: „We shall overcome.”
Auszug mit freundlicher Genehmigung aus Dieter Lattmann: „Die verwerfliche Alte – Eine Geschichte aus unserer Zeit”
Radius-Verlag Stuttgart 1990