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Arbeitsform Offener Brief

Schon als unsere Bezugsgruppe am 7. Dezember 1983 zum ersten Mal zum Blockieren nach Mutlangen fuhr, war uns bewußt, daß der gewaltfreie Widerstand gegen die Pershings keine einmalige Entscheidung sein konnte, sondern daß wir mit dieser Blockade die Verantwortung für die Abrüstung der Pershings auf uns nahmen, auch wenn dies damals jedem 'normalen' Menschen absolut vermessen erscheinen mußte. Wir hatten uns vorgenommen, alle zwei Wochen das Mutlanger Lager gewaltfrei zu blockieren, und zwar so lange, bis die Raketen wieder abgezogen waren – eine zur damaligen Zeit geradezu unvorstellbare, aber unseres Erachtens dennoch notwendige Perspektive.

Im Laufe der nächsten Monate und Aktionen stellten wir mit Entsetzen fest, wie der gewaltfreie Widerstand in sich zusammenfiel: Immer mehr Menschen zogen sich zurück, kein einziger der 'Prominenten', die noch im September 1983 ihre Bereitschaft zum gewaltfreien Widerstand bekundet hatten, ließ sich in Mutlangen mehr blicken, die Gewaltfreiheit der Aktionen wurde immer häufiger in Frage gestellt, auch unsere eigene Bezugs­gruppe löste sich Stück für Stück auf. Schließlich wurde uns klar, daß es illusorisch war, darauf zu warten, daß Andere dem gewaltfreien Widerstand in Mutlangen Struktur und Kontinuität geben würden: Wir beschlossen, einen Offenen Brief an die Bundesregierung zu schreiben, in dem wir unserer Entschlossenheit zum regelmäßigen gewaltfreien Widerstand in Form von Blockaden offiziellen und öffentlichen Ausdruck geben und gleichzeitig alle Mitglieder der Friedensbewegung auffordern wollten, sich diesem Widerstand anzuschließen oder sich mit ihm solidarisch zu erklären.

Nach monatelanger (oft für Wochen unterbrochener) Formulierungsarbeit war der Offene Brief (siehe rechts) schließlich fertiggestellt und wurde Ende Mai 1984 auf dem Kongreß 'deutsche Friedensbewegung und französische Linke' in Mannheim zum ersten Mal verteilt. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (Paul Parin aus Zürich und Curt-Jürgen Heinemann-Grüder aus Pforzheim), stieß er vor allem auf Ablehnung und Befremden – wenn er überhaupt zur Kenntnis und ernst genommen wurde.

Auch im Laufe der nächsten Monate und Jahre wurden Inhalt und Stil dieses Offenen Briefs (nach dem wir anfangs 'Kohlbrief-Kampagne' genannt wurden) immer wieder radikal in Frage gestellt.

Offener Brief an die Bundesregierung,
z. Hdn. des Bundeskanzlers

Sehr geehrter Herr Dr. Kohl!

Sie haben vor der letzten Wahl versprochen, Sie wollten "Frieden schaffen mit immer weniger Waffen". Sie haben Ihr Versprechen nicht einmal ansatzweise eingelöst. Im Gegenteil: Mit Ihrer ausdrücklichen Billigung und uneingeschränkten Unterstützung stationieren die USA inzwischen Pershing-II-Raketen auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland. Die Zahl der einsatzbereiten Systeme nimmt von Monat zu Monat zu.

Die Kriegsgefahr ist größer denn je

Die Stationierung dieser atomaren Mittelstreckenraketen vor der Haustür der Sowjetunion destabilisiert in dramatischer Weise die militärische und politische Situation Europas. Diese Raketen, die allein der Befehlsgewalt des amerikanischen Präsidenten unterstehen, müssen von der Sowjetunion als mögliche Erstschlagwaffen empfunden werden.
Sie sind so schnell, daß jede Vorwarnung unmöglich wird. Sie sind so treffgenau, daß mit ihnen verbunkerte Ziele wie z. B. militärische Einsatzzentralen und Atomraketen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschaltet werden können. Sie reichen so weit, daß die USA mit ihnen – erstmals von fremdem Boden aus! – Schläge gegen solche Ziele im Kernland der Sowjetunion führen können.
Die – von uns ebenfalls auf schärfste verurteilte – "Nachnachrüstung" der Sowjetunion mit atomaren Kurzstreckenraketen in der DDR und Tschechoslowakei hat dazu geführt, daß sich die beiden Militärblöcke inzwischen an der deutschen Grenze mit Atomraketen gegenüberstehen, die im Falle eines militärischen Konflikts jede Seite dazu "zwingen", der anderen Seite zuvorkommende Präventivschläge zu führen. Die "Logik" des gegenwärtigen Wettrüstens, auf jeden von der anderen Seite vorgenommenen Rüstungsschritt mit einem noch gefährlicheren Aufrüstungsschritt der eigenen Seite zu reagieren, hat somit die Atomkriegsgefahr in Europa potenziert.