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Christof Then zum Schluß

Beim Nachdenken ber das Schluwort zu dieser Dokumentation merke ich, wie schwer es mir fllt, dieses Stck persnlicher und bundesrepublikanischer Vergangenheit mir noch einmal zuzumuten. Ich frchte mich vor der Angst von damals, ich will nicht noch einmal diese Verzweiflung gegenwrtig werden lassen, diese stndigen, zerstrerischen Schreckensszenarien einer weltweiten, von den Pershing II ausgelsten nuklearen Katastrophe.

Doch whrend ich mich noch strube, bin ich diesen Weg bereits angetreten.

Ich sehe die in Sekundenschnelle hingerichteten Stdte Hiroshima und Nagasaki vor mir, ich stelle mir, wie ich es damals so oft tat, vor, was es bedeutet htte,

wenn die Pershing II und die SS 20 zum Einsatz gekommen waren; Hundert- und tausendmal Hiroshima und Nagasaki, millionen- und abermillionenfacher Mord an Mnnern, Frauen, Kindern. Und ich sehe Bilder von unseren gewaltfreien Blockaden vor mir wie wir da saen im Regen auf der Zufahrt zum Mutlanger Raketenlager, mit 5 Leuten, mit 15, manchmal mit 50. Ohne diese Erinnerungen wre ich noch weniger fhig, mich meiner heutigen Verdrngung der Pershing-Stationierung zu stellen.

Und hier merke ich: Es ist nicht 'nur' die Erinnerung an den Schrecken, die ich nicht zulassen will. Was zu vergessen genauso bequem, politisch/psychologisch genauso notwendig ist Ich wehre mich, die Hoffnung, die irgendwann wuchs, noch einmal zu spren. Es ist mir unangenehm, heute, 10 Jahre nach Beginn der Stationierung, daran zu denken, da wir bei unserem Widerstand gegen die Pershing II die Vision einer gewaltfreien, gerechten, basisdemokratischen Gesellschaft hatten, einer Gesellschaft, die Zivilen Ungehorsam als letztes Mittel im politischen Kampf akzeptieren und bercksichtigen wrde. Zu dieser Vision gehrte, da wir unsere Aktionen als Schritte zu einer gewaltfreien sozialen Verteidigung verstanden, da fr uns der Widerstand gegen die Pershings ein zwar berlebensnotwendiger, aber doch nur erster Schritt war zur berwindung des Militrs und der Drohung mit militrischer Gewalt; dazu gehrte auch unsere Hoffnung, die Gewalt berwinden zu knnen, wenn nur einige Wenige konsequent und entschlossen genug der staatlichen oder wirtschaftlichen oder zwischenmenschlichen Gewalt entgegentreten. Und diese Vision war keine billige Nischen-Ideologie, sondern sie trieb uns zum Handeln, sie wuchs und vernderte sich durch konkrete Erfahrungen, sie lebte.

Die Einsicht schmerzt, da uns die Utopien von damals abhanden gekommen sind, und es schmerzt noch mehr, da wir heute nicht deshalb scheitern, weil unsere Utopien falsch sind, sondern weil wir nicht mehr den Mut haben, mit und an unseren Utopien zu arbeiten.

Scheue ich die Begegnung mit der Vergangenheit, weil sie mir sagen knnte, was heute zu tun anstnde?

Tbingen, den 22. November 1993
Grafik: Weltkugel frisst sich selbst