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Konfliktpartner Gefängnis
Unter Einschluß

Fortsetzung von der vorigen Seite Gefängnis bedeutet für die Gefangenen vor allem die Gefährdung oder Zerstörung der Beziehungen 'draußen' und der eigenen Lebensformen, ohne daß sich eine konstruktive Alternative aufbauen ließe.

Wie sollen bei den daraus entstehenden Ängsten, bei der Verbitterung oder Resignation weitere Straftaten verhindert werden?

Die Entmündigung im Gefängnis trägt entscheidend zu der entwürdigenden Situation bei. Ein undurchsichtiger bürokratischer Apparat steht der angemessenen individuellen Bearbeitung von Anträgen aller Art im Weg. Jedes Telefongespräch mit Familie, Freunden oder Rechtsanwalt, der Umtausch von Kleidung, von Büchern, Wolle, Gesprächswünsche mit einer Psychologin, mit der Gefängnisleitung und vieles mehr muß schriftlich beantragt werden auf sogenannten Rapportzetteln. Diese Rapportzettel werden fast alle nur montags bearbeitet, und oft sind mehrere Anläufe nötig, um das Anliegen im gewünschten Sinne einleuchtend zu machen. Diese Abhängigkeit von z. T. auch noch unbekannten Beamtinnen entmutigt die Gefangenen, sich für mehr Gerechtigkeit oder einfach für Selbstverständlichkeiten einzusetzen.

Eine Strafe ist auch die ungewöhnlich kurze Besuchszeit von nur 1,5 Stunden im Monat und 2 Stunden extra für Kinder! Für Frauen, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben, findet jeder Besuch mindestens in den ersten 3 Monaten sogar hinter einer Trennscheibe und mit Sprechanlage statt! – Ich verstand die Frauen sehr gut, die unter diesen unmenschlichen Bedingungen nicht bei jedem Besuch erleben wollten, wie ihre Beziehungen zugrunde gehen, und auf die Besuchszeit ganz verzichteten.

Der Umgang der Gefangenen untereinander ist in großem Maße davon geprägt, die Unzufriedenheiten, Angst und Aggression an Schwächeren auszulassen und auch auf Kosten der Anderen eigene Vorteile zu erkämpfen. Das führt zu hinterhältigen Intrigen, zum Klauen von Kaffee, Tabak und Kosmetikartikeln – die begehrtesten Dinge im Gefängnis – und auch zu verletzenden

Lügengeschichten über die Straftaten von Mitgefangenen, zu Erpressungen z. B. aufgrund von Angstmacherei bei spiritistischen Sitzungen usw. bis hin zu körperlicher Gewalt. Das Mißtrauen gegenüber der Anderen ist dementsprechend groß. Sehr viele Frauen nehmen Beruhigungsmittel ohne Rücksicht auf körperliche und psychische Folgen. Für manche ist die tägliche Schlaftablette zur Ersatzdroge geworden. In dieser oft hinter zerbrechlichen Masken versteckten Gewalt gegen sich selbst und gegen die andere erstaunte es mich, welche Freundschaften, welche Nischen von Geborgenheit und welcher Wille zur aufrechten Selbstbehauptung doch noch möglich bleiben. z. B. durch ein Engagement in der Zeitungsredaktion, Theatergruppe, im Gefangenenrat usw. Doch dies geschieht trotz der Gefängnissituation und nicht wegen ihr!

Vielleicht genügen diese Skizzen, um die Sinnlosigkeit und die entwürdigende Gewalt eines Gefängnisses zu zeigen. Strafe und Gewalt können keine Lösung von Konflikten sein. Das dem Gefängnis zugrunde liegende Strafprinzip machte mir nochmal klar, wie sehr die Gewaltspirale, die sich im Wettrüsten so offensichtlich zur Gefahr für die ganze Menschheit entwickelt hat, in unserem Denken und täglichen Handeln verankert ist. Ein Bekannter sagte mir nach solchen Schilderungen, die Abschaffung der Todesstrafe müsse eigentlich zur logischen Folge haben, daß das Strafprinzip als solches in unserem Rechtssystem aufgehoben werde.

Durch meine Gefängniszeit erfuhr ich, daß ziviler Ungehorsam dieses Strafprinzip ad absurdum führen, sozusagen ins Gegenteil verkehren kann. Ich verlor zwar einige Illusionen über die Fähigkeit des Menschen zur Vernunft und zur Liebe. Und mich bedrückte oft die Ohnmacht der Gefangenen gegenüber der konventionellen Gewalt und die fehlende Sensibilität und Scham von Richtern, Staatsanwälten, Gefängnisverantwortlichen u. a. gegenüber der eigenen Macht, – für die sich natürlich niemand so richtig verantwortlich fühlen will bei all den Sachzwängen ... Insofern war das Gefängnis für mich abschreckend.
Jutta v. Ochsenstein: Erfahrungen im Gefängnis