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Konfliktpartner Gefängnis
Unter Einschlu

Fortsetzung von der vorigen Seite Von morgens bis 15 Uhr konnte ich sozusagen in klsterlicher Abgeschiedenheit lesen und schreiben. Das Eingeschlossensein machte mir keine Angst. Ich brauchte das Alleinsein zum Kraftschpfen und erlebte es als sehr bereichernde Konzentration. Vor allem in der gewaltfreien Gemeinschaft 'Arche' in Frankreich hatte ich gelernt, welche Elemente ein Tag beinhalten sollte, um mein inneres Gleichgewicht zu sttzen. So versuchte ich, auch in 'Gotteszell' an jedem Tag Platz zu finden fr geistige Auseinandersetzung, Meditation, Krperbungen, Stricken, Spiele und Gesprche mit den anderen Frauen, – und Lachen, was im Gefngnis sehr wichtig ist.

Schwierigkeiten hatte ich eher mit den Wnschen der vielen Mitgefangenen nach Gesprchen und sonstigem Zusammensein, was bei offener Zellentr ein stndiges Verfgbarsein bedeutet. Doch ich wei von vielen Gefangenen, die ohne Arbeit waren, da sie in diesen Stunden des Alleinseins depressiv wurden oder ngste bekamen. Nur in wenigen Fllen verordnete die rztin, da die Zellentr offen zu bleiben habe.

Die Nachmittage und Abende verbrachte ich meistens mit Hofgang, Briefe lesen und schreiben, und mit anderen Gefangenen. In den Gesprchen erfuhr ich viel von den Hintergrnden und Schicksalen einzelner Frauen.

Die allermeisten Straftaten – von kleinen, wiederholten Diebsthlen und Betrgereien ber Drogenkonsum und -handel bis zu Zuhlterei und Mord – erschienen mir wie die Suche nach Erleichterungen und Auswegen in erdrckenden oder einfach berfordernden Lebenssituationen.

Oft spielten zerstrte Familien und Beziehungen eine groe Rolle oder Gruppenzwnge, Arbeitslosigkeit, abgelehnte Asylgesuche usw. – ganz abgesehen von der Vielzahl der sonstigen Erlebnisse im Laufe eines Frauenlebens, die nicht verkraftet wurden. Die Lebensweise unserer Gesellschaft schien mir in keinem Fall ganz unschuldig daran zu sein – und sei es die Ausrichtung auf Profit und Macht, die Anonymitt im tglichen Umgang, die undurchschaubare und entmndigende Brokratie, die Verherrlichung von Gewalt in den Medien, die Skrupellosigkeiten gegenber Minderheiten ...

Fr mich deckten diese Straftaten – unbewut – unbequeme Wahrheiten ber die konventionelle und alltgliche Gewalt in unserer Gesellschaft auf. Und darin sehe ich trotz der grundstzlichen Unterschiede hinsichtlich der bewuten, politischen und Gewissensentscheidung und hinsichtlich der Bedeutung der Gewaltfreiheit im zivilen Ungehorsam eine Gemeinsamkeit zwischen politischen und sozialen Gefangenen.

Dementsprechend sah auch das Verstndnis gegenber meiner relativen 'Freiwilligkeit' des Gefngnisaufenthaltes aus: Nie erlebte ich eine Ablehnung oder Verurteilung, wenn ich mit Gefangenen oder auch mit Beamtinnen ber die Grnde fr meinen zivilen Ungehorsam sprach, eher im Gegenteil. Das einzige, was ich ab und zu zu hren bekam, da ich mich doch das nchste Mal nicht wieder erwischen lassen sollte ...! Doch unser Rechtssystem zieht es immer noch vor zu bestrafen statt zu verstehen.

Das war fr mich das Bedrckendste im Gefngnis: Die Absicht zu bestrafen ist praktisch der Hauptgrund fr die Existenz von Gefngnissen. Mglichkeiten einer irgendwie gearteten therapeutischen Arbeit mit den Gefangenen sind kaum vorhanden: fr die fast 200 Frauen sind 3 Psychologinnen zustndig, einige mit organisatorischen Auftrgen ausgelastete Sozialarbeiterinnen, eine Pfarrerin und ein katholischer Dekan. Auerdem gibt es noch wenige, einmal wchentlich stattfindende Gesprchskreise. Die Beamtinnen sind zwar zum groen Teil sehr offen und engagiert und bemhen sich, innerhalb der Gefngnisstrukturen doch noch auf ein paar individuelle Wnsche einzugehen und ab und zu mal ein persnliches Gesprch zu ermglichen. Doch auch sie sind aufgrund der Krzungen im sozialen Dienst ( – noch ein Grund, fr die Abrstung zu kmpfen!) schon voll beschftigt mit der Organisation des Tagesablaufs. Darunter leiden einige Beamtinnen, die sich ihren Dienst menschlicher und sinnvoller vorgestellt hatten. Immer wieder kommt es zu Konflikten mit der Gefngnisverwaltung, die nicht tglich mit den Gefangenen zusammenlebt, sondern Entscheidungen oft genug vom grnen Tisch aus fllt.
Jutta v. Ochsenstein: Erfahrungen im Gefngnis