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Konfliktpartner Gefängnis
Unter Einschluß

Fortsetzung von der vorigen Seite Zwei Monate Gefängnis auch nicht... Wenn Du also Geld übrig hast, dann spende es lieber an das Projekt 'Kinder des Krieges', als es mir zu geben. Von meiner Verantwortung kannst Du mich sowieso nicht freikaufen.

Es gibt für mich noch einen anderen Grund, die Strafe nicht zu bezahlen. In aller Welt sperren Menschen Menschen ein. Dabei haben die Eingesperrten selten die Möglichkeit, zwischen Geldstrafe und Haftstrafe zu wählen. In den USA sitzt der 54-jährigc katholische Ordenspriester Carl Kabat für 10 Jahre im Gefängnis, weil er mit einem Preßlufthammer einen Raketensilo symbolisch beschädigt hat. Er hat keine Wahl, denn er wird nur entlassen, wenn er verspricht, so etwas nie wieder zu tun, und das kann er nicht. Ebenfalls in den USA ist die 28-jährige Katja Komisaruk im Januar zu 5 Jahren Haft verurteilt worden, weil sie einen Kriegscomputer abgerüstet und sich anschließend der Polizei gestellt hat. In der Bundesrepublik gehen immer wieder Menschen ins Gefängnis, weil sie den Kriegsdienst mit und ohne Waffe verweigern. Auch sie haben keine Wahl. Und was ist mit all den anderen, die aus 'unpolitischen' Gründen im Gefängnis sind? Ich bin sehr gespannt auf die Begegnung mit meinen Mitgefangenen in der JVA Gotteszell. Ob ich dort wohl eine Frau treffe, bei der ich mir das Recht anmaßen würde zu urteilen: „Die gehört hierher?” Wer keine Schuld hat, der sperre den Ersten ein...

Henry David Thoreau schrieb 1849 über seinen Gefängnisaufenthalt wegen Steuerverweigerung: „Ich fragte mich, ob die Gesellschaft nun zu dem Schluß gekommen war, dies sei der beste Zweck, dem ich zugeführt werden könnte ...”

Gefängnis ist in meinen Augen ein Unrecht, und es wird nicht kleiner dadurch, daß ich mich davor drücke. Aber vielleicht kann ich durch 'meinen Knast' helfen, daß wir alle mehr darüber nachdenken, was es für uns heißt, daß ständig ein Teil von uns hinter Mauern und Gittern lebt.

Ein weiterer wichtiger Grund für mich, die Strafe nicht einfach zu zahlen, sondern den Konflikt um die Atomrüstung durch meinen Gefängnisaufenthalt zu dramatisieren, ist die immer noch vorhandene Atomkriegsgefahr.

Zwar haben sich die Supermächte geeinigt, 3 % ihrer Atomwaffen abzurüsten, darunter mit den Pershing II genau die, die durch ihre kurze Vorwarnzeit seit 1983 die brennende Lunte am atomaren Pulverfaß sind. Aber mit dem Vertragsabschluß ist das Abschreckungsdenken nicht überwunden. Noch finden weiter Manöver mit den völkerrechtswidrigen Pershing 11-Raketen statt, und in anderen Bereichen wird munter aufgerüstet. Wenn zu den 3 % abgerüsteten Raketen auch 3 % neues Denken dazukämen, wären wir weiter. Vielleicht hilft mein Gefängnisaufenthalt Dir, Volk, zu merken, daß Dich das was angeht...

In unserer Gesellschaft ist es üblich, die Verantwortung so lange immer wieder aufzuteilen, bis am Ende (scheinbar) für den/die Einzelne/n nichts mehr übrig bleibt.

An einem Morgen im Sommer 1984 habe ich das Dachauer Konzentrationslager betreten. Was ich an diesem Ort gespürt habe, was ich von dort mitgenommen habe, verbietet mir, mich mit der Lehre zufriedenzugeben, daß ich ja sowieso machtlos bin und mich deshalb keine Schuld treffen kann. Ich habe Verantwortung, und ich will sie tragen. Diese Entscheidung hat mich ins Gefängnis geführt.

Ich kann und will von Euch nicht dasselbe verlangen. Der Friede ist ein Weg, und auf einem Weg kann jeder Mensch nur die Schritte gehen, die vor ihm liegen. Immer einen nach dem anderen, und jeder ist gleich wichtig, gleich mutig. Bleibt nicht stehen, das wünsche ich mir. Geht den Weg, der Frieden heißt. Ich wünsche Euch Kraft dazu.

Schalom
Ulli
Gefängnis-Rundbrief von Ulrike Laubenthal März 1988