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Im Namen und auf Rechnung des Volkes

Fortsetzung von der vorigen Seite geantwortet, damit hätte ich gerechnet. Ich müsse aber darauf bestehen, daß ein Urteil gesprochen werde.

In meinem Schlußwort habe ich dann sinngemäß gesagt:
Nach den Vorstellungen der jetzigen Regierung leben wir in einer Zeit der geistig-moralischen Wende. Dann ist es allerdings auch an der Zeit, den Begriff 'Verwerflichkeit' neu zu verstehen. Hier in Mutlangcn wird mit Raketen gedroht, die den Namen eines berühmten amerikanischen Generals tragen. Als Dreißigjähriger hatte Herr Pershing an der Schlacht bei Wounded Knee gegen nordamerikanische Indianer teilgenommen; unter den abgeschlachteten Sioux befanden sich sieben Babies, sieben alte Frauen und vierundzwanzig alte Männer. Der spätere General hielt diese Menschenrechtsverletzung für eine exemplarische Lektion in einer Taktik, die man durchaus als präventive Aktion bezeichnen könnte (tip, 8/1984, S. 190 ff).

Da ich überzeugt bin, nicht verwerflich und somit auch nicht rechtswidrig gehandelt zu haben, kann ich nur Freispruch beantragen. Die Sicherheit meiner Überzeugung mag Fanatismus zum Verwechseln ähnlich erscheinen. Im westdeutschen Regionalfernsehen wurde gezeigt, wie ich in Waldbröl weggetragen wurde. Dort trug ich das Kirchentagstuch. Vorher trug ich dort ein gelbes Schild. Darauf steht:

Vor- und Nachrüsten verboten!
Bürger haften für ihre Politiker.
(Art. 3, Friedensgesetzbuch)

Dieses Schild trug ich auch, während ich hier in Mutlangen weggetragen wurde. Ich trug es noch, als ich vor der Fahrt nach Straßdorf fotografiert wurde. Ich hoffe, es hat nicht nur Herrn Mühleisen nachdenklicher gemacht.
Wesentlich ist für mich, wer glaubwürdig ist. Die Intensität meines Glaubens, daß Gewaltlosigkeit der Weg des Friedens ist, dieser Absolutheitsanspruch ist für mich nur glaubwürdig, wenn ich nicht bereit bin, meinem Gegner Schaden zuzufügen, sondern stattdessen eher bereit bin, persönliche Nachteile hinzunehmen.
Ich bitte Sie um Konsequenz. Sagen Sie nicht: „Seine Motive waren ehrenwert, aber er hat sich strafbar gemacht.” Waren meine Motive lauter, so war es auch mein Verhalten. War mein

Verhalten verwerflich, so müssen es auch meine Motive gewesen sein. Ich halte es für besser. Unrecht zu erdulden – von erleiden zu sprechen wäre hier unangebracht – als mich dem Unrecht nicht zu widersetzen. Nicht viele Kilometer von hier, in Murrhardt, ist vor etwa 200 Jahren Friedrich Christoph Oettinger gestorben. Mit seinen Worten schließe ich: „Gott gebe mir die Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.”

Das Urteil, angeblich 'im Namen des Volkes' gesprochen, lautete über 20 Tagessätze zu je 75.- DM, also über 1.500.- DM Geldstrafe. Bei der Urteilsbegründung sagte der Richter, Herr Dr. Offenloch - ich glaube, er hat es sich nicht leicht gemacht, aber doch nicht schwer genug - bemerkenswerterweise, wenn er nicht überzeugt wäre, daß ich mich strafbar gemacht hätte, müßte er sich eine andere Tätigkeit suchen. Da schien mir Sigmund Freud im Hintergrund zu stehen und zu lächeln. Er sagte noch etwas Bemerkenswertes: Bei meinen weiteren Überlegungen möge ich doch bedenken, daß es eine seltsame Aktionsgemeinschaft sei zwischen Leuten, die wie ich argumentierten, und anderen, mit denen wir zusammensäßen. Er zitierte mehrere anstößige Ausdrücke, die anzuhören auch mir zu schaffen macht. Direkt hat er es nicht ausgesprochen, aber gemeint hat er mit den anderen: Pöbel.

Von der ehrenwerten Gesellschaft der Atombombenchristen als Hüter des Friedens und ihrer Erfüllungsgehilfen hat er nicht gesprochen, auch nicht vom Heer der Schweiger und Verdrängungsopportunisten, die ihnen ebenfalls die Steigbügel halten.

Am nächsten Morgen habe ich in der Geschäftsstelle des Amtsgerichts meine Berufung zu Protokoll gegeben. Dann bin ich mit Heiko, einem Sprachlehrer aus Waldbröl, wieder zur Todesstraße nach Mutlangen gefahren. In der Umgebung haben wir unter dem Nato-Stacheldraht die Blume ausgegrabcn, die mir noch für das Kunstwerk 'Mutlanger Freiheit 1983' fehitc. Sie wird den wöchentlichen Informationsstand der Bergisch Gladbacher 'Ohne Rüstung Leben'-Gruppe zieren. Sie soll ein 'Trotzdem-Zeichen' gegen den Stacheldraht der Abschrecker sein. Die Blume heißt Vergißmeinnicht.
Heinz-Günter Lambertz vor dem Amtsgericht Schwäbisch Gmünd