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SPIEGEL-Redakteur Thomas Darnstdt ber die Massenverurteilung der Friedensdemonstranten von Mutlangen

Der Amtsgerichtsdirektor Bernhard Rhrle hat Kummer mit der Friedensbewegung, und er spricht gern darber. Bei jedem Trunkenheitsdelikt, sagt er, geht das einfacher. Zehn Glas Bier in der Wirtschaft, das wird bewiesen, und fertig. Aber mit diesen Angeklagten ist das anders.

Einer von ihnen, Ernst Langlotz, 33, Neurologe von Beruf, hat dem Gericht erlutert, worum es geht: Hitzestrahlung bringt selbst Granit zum Schmelzen. Flchenbrnde verzehren den Sauerstoff zum Atmen. Wer berlebt, krepiert langsam an Leukmie. Dann bricht der ewige Winter aus, der nukleare Winter. Die Sonne verdunkelt sich. Alle Vegetation wird vernichtet.

Der Angeklagte Langlotz erwartet, da das Amtsgericht Schwbisch Gmnd auch ber den Weltuntergang verhandelt. Visionen des atomaren Schreckens haben den Mnchner Arzt dazu gebracht, sich im Februar vor dem Pershing-Depot in der Mutlanger Heide hinzusetzen und so fr wenige Minuten einen US-Konvoi zu stoppen. Deshalb ist er nun angeklagt.

Tglich auer freitags, so will es der Dienstplan, wird seit Monaten schon vor dem Amtsgericht Schwbisch Gmnd gegen die Demonstranten vom Pershing-Lager verhandelt. Die Anklage lautet auf Ntigung, und das Gericht sieht den demonstrativen Widerstand gegen die Raketen-Nachrstung - wie die Staatsanwaltschaft - als Gewalt, verwerflich im Sinne des Strafgesetzbuches.

ber tausend Flle stehen an, hunderte von Blockadeteilnehmern sind bereits verurteilt worden, einer sogar zu Gefngnis, die anderen zu Geldstrafen. Und in Schwbisch Gmnd ist es wie in den raketennahen Amtsgerichten Ulm, Stuttgart, Bitburg und auch bei Blockiererprozessen in Bonn: hundertfach dieselbe Begrndung. Die sagen immer, klagt Richter Herzel, ich mache Urteile von der Stange.

Das Amtsgericht sei einfach berfordert, meint Direktor Rhrle. Wir sind doch das Gericht, wir haben mit Raketen nichts zu tun. Aber genau das verstehen die Angeklagten eben nicht. Ich hoffe, Sie haben sich gengend damit auseinandergesetzt, was Pershing-Raketen bedeuten", herrscht eine Angeklagte ihren Richter an.

Der Richter nickt eifrig, ja, aber es ntzt ihm nichts. Er bekommt alle Details abermals erklrt, wie fast tglich auer freitags. Keiner der Angeklagten bestreitet, dagesessen zu haben, als die Pershings geliefert wurden. So gibt es nicht mal eine richtige Beweisaufnahme. Und kaum einmal wird ein Anwalt bemht. Um Gottes willen, sagt die 22jhrige Gabi Bauer, nur kein Anwalt: Der bringt's fertig und sieht die Sache juristisch.

So reden Richter und Angeklagte Tag fr Tag aneinander vorbei. Wenn es gut geht, gibt es das, was die Richter ein faires Verfahren nennen: Die Angeklagten drfen reden, so lange sie wollen, dann reden die Richter, so lange sie wollen -jeder ber seine Sache.

Sie gehen auseinander nach zeitraubenden, nichtsnutzigen Verfahren. So festgelegt haben sich die Richter in der Beurteilung der stets gleichen Tat vorm Mutlanger Stacheldrahtzaun, da die Idee, es knnte mal etwas passieren im Gerichtssaal, ein Freispruch, eine unerwartete Argumentation, eine Wrdigung eines Einzelfalles, ausgeschlossen erscheint. Die Richter bleiben freundlich und unbeirrbar.

Um das peinliche Verfahren abzukrzen, haben die Gmnder Staatsanwlte und Richter allen Angeklagten ein halb-offizielles Angebot gemacht. Wer sagt, es tut ihm leid, so erklrt es ein Staatsanwalt nach der Verhandlung, kann sofort nach Hause gehen. Das Verfahren gegen reuige Friedensfreunde wird dann wegen geringer Schuld umgehend eingestellt.

Diese Methode, an der Grenze der Legalitt und grenzenlos ignorant, hat dem Vernehmen nach in Gmnd noch zu keinem einzigen Erfolg gefhrt. Ob er denn so eine Blockade noch mal mitmachen wrde, fragt hoffnungsvoll der Richter Albert Herzel den 28jhrigen  

der Spiegel 50/1984