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Prozeß-Blockaden

Seit Beginn der Kampagne war der Konflikt zwischen uns und der Bundesregierung hauptschlich auf dem Rcken der Justiz ausgetragen worden. Die fast tglichen Strafprozesse gaben uns ein ideales Forum, um die Unertrglichkeit der Raketen und die Notwendigkeit des zivilen Ungehorsams Freundinnen, Bekannten, KollegInnen und der eigenen Familie zu erlutern; die mal arroganten, mal verdrucksten Pldoyers der Staatsanwlte und die dnnen Verurteilungsgrnde der Richter fachten die Emprung von Angeklagten und ZuhrerInnen mit groer Zuverlssigkeit tglich aufs neue an.

Im Nachhinein knnen wir es nur mit unserer kleinbrgerlichen Angst vor der Justiz erklren, da wir nicht frher auf den Gedanken kamen, jeden Strafproze gleichzeitig zur ffentlichen Vorbereitung und Begrndung einer anschlieenden gewaltfreien Blockade umzufunktionieren. Erst Ende 1986 waren wir soweit, da wir diesen Gedanken zu denken wagten.

Inzwischen waren so viele Menschen bereit, zivilen Ungehorsam zu leisten, und die Zeit zwischen Blockade und (rechtskrftiger) Verurteilung war so lang geworden, da die Richter – trotz aller Anstrengungen – nicht mehr in der Lage waren, ihre Pufferfunktion zwischen uns und den Raketen aufrechtzuerhalten: die innerstaatliche Abschreckung schreckte immer weniger ab, die Angst vor dem Atomkrieg und das Vorbild der gewaltfreien WiderstndlerInnen wurden strker als die Angst vor einer 20-Tagessatz-Strafe. Unsere Vorbereitung auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts und die Erbrmlichkeit dieses Urteils halfen sicherlich mit, die Bereitschaft fr ein 'Jetzt-erst-recht' zu vergrern.

Viele Angeklagte reisten von weit her zu ihren Prozessen, oft mit recht vielen Angehrigen und Freundinnen. Was lag nher, als die Gelegenheit zu nutzen fr die nchste Blockade. Gleichzeitig sollte dieses Konzept den Richtern die Nutzlosigkeit ihrer Verurteilungen verstrkt vor Augen fhren, sie sollten in die Verantwortung gestellt werden, die Angeklagten und die ZuhrerInnen mit Argumenten von der im Anschlu an das Urteil geplanten Blockade abzubringen – wenn sie sich das zutrauten. Wir konnten uns nicht vorstellen, wie die Richter

noch lange an ihrer Verdrngung und Verurteilungspraxis wrden festhalten knnen, wenn viele Angeklagte und ZuhrerInnen mit einer erneuten Blockade antworten und damit ein Brgerinnenurteil ber das Gerichtsurteil fallen wrden. Eine nicht mehr abreiende Folge von immer neuen und vielleicht tglichen gewaltfreien Blockaden des Militrverkehrs htte auf Regierung, Justiz und ffentlichkeit ihre Wirkung nicht verfehlen knnen.

Christof Then machte den Anfang, als er am 5. und 18. Mrz 1987 nach Verurteilungen durch die Richter Offenloch und Lang erneut das Pershing ll-Lager gewaltfrei blockierte; die Polizei leitete am 5. Mrz den Verkehr um, um Festnahmen zu vermeiden, am 18. Mrz wurden 4 BlockiererInnen festgenommen. Und so wre es weitergegangen, wre nicht der INF-Abrstungsvertrag gekommen ...
Reflexionen am Zaun über die 'Kosten der Freieheit'  Foto: Erika Sulzer-Kleinemeier
Foto: Erika Sulzer-Kleinemeier