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Wie die Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung funktionierte

In diesem zweiten Teil stellen wir in Prosa dar, welches Konzept hinter unserer Kampagne stand und wie wir es umsetzten. Wir hoffen, daß deutlich wird, wie sehr das Geschehen in Mutlangen planvoll und bewußt organisiert, immer wieder reflektiert, kritisch überprüft und weiterentwickelt wurde. Es ist eben noch längst nicht beschrieben und verarbeitet, wenn man sagt, daß sich dort Leute dem Militärverkehr in den Weg setzten, bereit, sich von der Polizei wegtragen und von der Justiz strafverfolgen zu lassen.

Wir praktizierten Sicherheitspolitik von unten, wir nahmen unser Überleben in die eigenen Hände, indem wir unser Leben dem Pershing-Betrieb aussetzten. Es ging nicht nur um Protest, sondern ums Eingreifen in unerträgliches staatliches Unrecht. Wir wollten nicht nur mahnen und warnen und demonstrieren, sondern konkret und gewaltfrei in die Speichen der Räder der Vernichtung greifen. Die USA beschwerten sich bei der Bundesregierung, daß ihr militärisches Handeln in Mutlangen häufig davon abhing, ob der Polizeieinsatz gegen uns BlockiererInnen endlich abgeschlossen war.

Durch unser Handeln machten wir unser Leben zum Ort, an dem sich das Schicksal der Auf- bzw. der Abrüstung schließlich entscheiden mußte. Hier, vor dem Tor wie im Gerichtssaal, trafen zwei gesellschaftliche Welten aufeinander, zwei sich gegenseitig ausschließende Formen von Friedenspolitik, und dieses Aufeinandertreffen war von unserer Seite aus so gestaltet, daß es den Abrüstungsprozeß vorantrieb, egal wie die andere Seite reagierte: ließ man uns sitzen, so waren Transport und Versorgung der Raketen erst einmal blockiert, und wir konnten uns überlegen, wie wir diesen Zustand immer häufiger erreichen könnten; räumte man uns von der Straße, wurde dadurch unser Gewissensappell umso deutlicher; die Politiker mußten sich entscheiden, ob sie an Beschlüssen festhalten wollten, die von WählerInnen nicht akzeptiert wurden; die Soldaten mußten sich entscheiden, ob sie ihren Dienst weiter verantworten wollten, dem sich friedliche Menschen in den Weg setzten; die Polizisten mußten sich entscheiden, ob sie sich zur Durchsetzung

einer verantwortungslosen Politik mißbrauchen lassen wollten; die Richter mußten sich entscheiden, ob sie die Augen vor der kalkulierten vollständigen Vernichtung verschließen wollten; alle Menschen, die von unserer Festnahme erfuhren, mussten sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollten.

Uns war klar, daß wir die Rüstungspolitik nicht verändern konnten, ohne uns selber genauso stark zu verändern. Und wir erlebten, wie die Konfrontation mit Militär, Polizei, Justiz und immer wieder auch mit dem Gefängnis uns tatsächlich veränderte, uns freier machte, vor allem angstfreier, selbständiger und auch reifer. Wir lernten, uns in unseren Aktionen auszudrücken, unsere Identität zu finden angesichts des alles nivellierenden Machtanspruchs der Massenvernichtungsmittel.

Unser gewaltfreier Kampf gegen die Pershing II war ein Kampf gegen die eigene Feigheit: gegen das Bedürfnis, die Realität zu verdrängen, gegen den immer wieder hochkommenden Haß, gegen die Verzweiflung. Es war ein Kampf um innere Offenheit, Korrigierbarkeit, Lernfähigkeit, ein Kampf um das richtige, und das heißt für mich immer noch: um das nachprüfbare Argument, ein Kampf um persönliche Konsequenz und Glaubwürdigkeit. Und gleichzeitig führten wir den Kampf um Gemeinschaftlichkeit und Gemeinschaftsfähigkeit, um Demokratie, gesellschaftlichen Dialog und Dialogfähigkeit. Daß dieser Kampf mit Schmerzen verbunden war, Tapferkeit vor uns selber und vor dem Gegner erfordern würde, war uns von Anfang an bewußt. Wieviel Tapferkeit vor dem Freund, vor den FriedensfreundInnen notwendig sein würde, spürten wir erst später.

Natürlich hatten wir (unerreichbare) VORBILDER: als die wichtigsten zitieren wir Gandhi (S. 58), King (S. 60) und die US-amerikanischen PflugschärlerInnen (S. 62).

Und wir konnten uns auf einige in den frühen 80er-Jahren eingeführte GRASWURZEL-PRINZIPIEN beziehen: Gewaltfreiheit (S. 64), zivilen Ungehorsam (S. 66), das Bezugsgruppensystem (S. 68), Konsens (S. 70) und Gewaltfreiheitstraining (S. 72).Weiter zur nächsten Seite