Pressehütte Mutlangen
Startseite
Über uns
Blockade in Büchel
Aktuelles von der NPT RevCon
Friedens- und Begegnungsstätte
Friedenswerkstatt
Mitmachen
Magazin FreiRaum
Kalender
Material
Archiv
Kontakt
Links
Knast

Aus Christof Thens Gefngnis-Rundbrief
vom 25.5.1985

Das Gefngnis ist eines der machtvollsten Abschreckungsmittel, wenn nicht das machtvollste berhaupt, das der Staat hat. Im Zusammenhang mit der militrischen nuklearen Abschreckung, die wir berwinden mssen, wenn wir berleben wollen, scheint es mir nur zwingend, auch die Abschreckungssysteme innerhalb der Gesellschaft berwinden zu lernen. Wahrscheinlich geht nur beides zusammen, geht nicht das eine ohne das andere.
Wenn die Gefngnisse nicht mehr abschreckend wirken, wenn der Zivile Ungehorsam durch die Gefngnisse hindurchgeht, dann wird die Ohnmacht zur strksten gewaltfreien Waffe. Denn was soll der Staat denn mit Menschen machen, die sich von allen Mitteln, die er auffhrt, nicht davon abhalten lassen, ihren gewaltfreien Widerstand fortzusetzen?

Aus Christofs Gefngnis-Tagebuch

Donnerstag 6.6.1985
Immer wieder habe ich hier das Gefhl, da sich die Widersprche, dessen extremste Ausdrcke das Grauen und das Glck sind, vereinigen, da ich das eine neben dem anderen, oder gleichzeitig und hintereinander spre.
Immer wieder – bei aller Trauer – das Gefhl einer unheimlichen Kraft. (...)
Seltsamer Weise kann mich hier von auen, abgesehen von trennenden, verzweifelten Briefen meiner Freundin, nichts abschrecken, meine Gedanken in Zweifel ziehen. (...)

Dienstag 11.6.1985
Die letzten Tage im Knast! Ich spre eine starke Freude, Lust auf die Freiheit.
Meine Stimmung hier drinnen ist schwer zu beschreiben. Einmal belastet mich ein bichen mein kleines „Spontan-Pneu”, auch wenn es wirklich kleiner als die letzten war.
Was nicht nachgelassen hat und was bei einem lngeren Gefngnisaufenthalt zum Problem werden knnte, ist meine Scheu gewissen anderen Gefangenen gegenber. Vereinzelt habe ich immer wieder gute Gesprche mit anderen Gefangenen, so z.B. gestern mit einem Ghanesen, der wegen versuchtem Totschlag an seiner Frau (die ihn jetzt regelmig besucht)

4 Jahre Knast bekommen hat. Aber ich fhle mich fremd und habe doch das Bedrfnis, mit den Menschen umzugehen, ohne mich ihnen anzupassen.

Mittwoch abend, 12.6.1985, die vorletzte Nacht
Heute bin ich wieder in dieser Art religiser Stimmung, eine Kraft sprend, hnlich wie vor einer Woche. Gerade beim Meditieren den Eindruck, Angst und Glck – die beiden Gegensatzpaare unserer Existenz – sind so unendlich nah und eng beisammen, da sie in manchen "Gefhlszustnden" kaum mehr auseinanderzuhalten sind. (...)
Ein seltsamer Widerspruch: Verantwortungsvolles Handeln bringt mich in einen Zustand absolut verantwortungslosen Seins – die absolute Entmndigung im Gefngnis. (...) Gefngnis als Metapher fr den menschlichen gesellschaftlichen Entfremdungsproze, als seine uerste Spitze. Die nukleare Aufrstung als hchster, extremster Ausdruck der Gewalt- und Gegengewalt-Spirale. Durch das Gefngnis: Die Gewalt-gegen-Gewalt-Spirale durchbrechen, den Entfremdungsmechanismus berwinden an ihrer hchsten Spitze durch das bewute Aufsichnehmen der Entfremdung.
Kathrin Knobloch wird nach 60 Tagen aus Gotteszell entlassen  Foto: privat
Kathrin Knobloch
wird nach 60 Tagen
aus Gotteszell entlassen
Foto: privat
Vergrößern